Gedanken am Samstag:“Warum wir ein gutes Gesundheitssystem für alle brauchen“

 Gestern war ich bei einem Treffen in Linz, zu dem Oberösterreichs Gesundheitsreferentin Christine Haberlander und oö Betrofffeneninitiative zum Thema „Medizinische Versorgung von Pais-Patienten wie etwa ME/CFS eingeladen hat. Das ist eine gute Vorgangsweise, aber dass es 80 Jahre nach dem Bekanntwerden dieser schweren und ungewöhnlichen Erkrankung und über 50 Jahre nach ihrer Anerkennung durch die WHO noch immer keine faire medizinische Versorgung und soziale Absicherung gibt, ist eine Schande für ein reiches Land wie Österreich, ein Land mit einem sehr guten Gesundheitssystem mit vielen hochqualifizierten und hochengagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Einige davon habe ich bei dieser Konferenz in Linz getroffen, die mit höchstem Einsatz die Systemmängel bekämpfen und bestmöglich handeln. Sie helfen damit Einzelnen - und das ist wichtig. Ein Gesundheitssystem aber muss für alle da sein. Und in einzelnen Bundesländern scheinen nun doch die notwendigen Verbesserungen in Bewegung zu kommen. Das brauchen wir rasch - in guter Qualität und ausreichenden Kapazitäten - in ganz Österreich.

Dieser Grundgedanke ist einerseits ein zutiefst ethisches Menschenrecht, andererseits aber auch gesundheitspolitisch enorm wichtig. Gewachsen ist dieses Prinzip einer gleichberechtigten Gesundheitsversorgung für alle in der Zeit nach der „Spanischen Grippe“, jener Pandemie, die 1918/19 über 50 Millionen Todesopfer verursachte. Wenig Wissen, keine Impfung, vor allem aber eine für weite Teile der Gesellschaft fehlende Gesundheitsversorgung waren die Hauptursachen dieses dramatischen Sterbens.

„Sicher sind wir nur dann, wenn alle sicher sind“, war die Grunderkenntnis. Der Schutz aller schützt die gesamte Gesellschaft, auch jene, die bisher die Privilegierten waren, aber dennoch aufgrund der rapiden Ausbreitung Opfer der Pandemie wurden. Daraus entstand die Idee einer flächendeckenden Gesundheitsversorgung mit einem Versicherungssystem für alle. 

Heute wird an diesem Prinzip gerüttelt - indem einzelne Gruppen dieses Grundrecht einer Grundversorgung jahrelang nicht gewährt, aber auch aus billigem Populismus an einer gleichberechtigten Versorgung einzelner Gruppen gerüttelt wird. Beides ist ein schwerer Schaden für die gesamte Gesellschaft. Es braucht eine gute Versorgung aller - von Menschen mit viel Geld und mit wenig oder ohne, von Menschen, die seit langem hier leben oder gerade bei uns angekommen sind. 

Ganz von Rechts kommt dieser scharfe Wind, der Einsparungen vorgibt. Experten sprechen von maximal zwei Prozent der Kosten, der Schaden wäre ein Vielfacher: das Brechen einen Grundprinzips unserer liberalen Demokratie, der wichtigsten Konsequenz aus der Pandemie des letzten Jahrhundert, wäre ein schwerer Schaden. Politisch, vor allem auch für die Gesundheit der gesamten Bevölkerung. Ein solidarisches System, in dem alle ein Grundrecht auf eine gute Versorgung haben, ist der Schlüssel für Gesundheitsschutz für alle. Nur wenn es auch dem anderen gut geht und er und sie gesund bleiben, geht es auch mir gut.

Darum geht es - und das ist sehr viel. Es geht nicht um peinliche politische Spielchen, um billigen Populismus, sondern um einen Grundpfeiler einer solidarischen Gesundheitsversorgung.

Das trifft - auf andere Weise - auch auf die Pais-Erkrankten und ihre Versorgung zu.

Vor einigen Jahren und Jahrzehnten konnten sich die Betroffenen kaum sichtbar machen. Auch ich habe dies - voll beschäftigt mit dem Pandemiemanagement - zu wenig erkannt. Mit der Corona-Pandemie dürfte sich die Zahl der Betroffenen verdreifacht haben. Das zeigt uns einerseits die Auswirkungen von guter oder fehlender Vorsorge, die langfristigen Wirkungen von Schutzmassnahmen, andererseits steigt damit auch der Handlungsdruck.

Es ist daher allerhöchste Zeit, gute Versorgungsstrukturen für diese zehntausenden Menschen zu schaffen. Seit zwei Jahren unterstütze ich die WE&ME-Foundation, die sich für Forschung einsetzt (und diese finanziert) und für eine gleichberechtigte medizinische Versorgung für die Betroffenen arbeitet.

Menschen, die ans Bett gefesselt sind, vielfach im Dunkeln, sieht man nicht. Man hört sie nicht. Daher müssen wir alle gemeinsam handeln. Und es sind immer mehr, die in einem breiten Netzwerk an Verbesserungen arbeiten: Wissenschaftlerinnen, Mediziner, Betroffene, Politiker und eine breite, große Zivilgesellschaft.

Familien, die sich zusammenschließen, Netzwerke des Handelns entstehen, immer mehr Menschen, die in- und außerhalb des Systems an der Veränderung arbeiten.

Und die Dinge kommen, langsam, vielfach zu langsam, endlich in Bewegung. Danke an alle Engagierten innerhalb und außerhalb des Systems.

Wir alle kämpfen darum, dass es in Österreich weiterhin ein Grundrecht auf eine medizinische  Grundversorgung gibt und dies für alle Gruppen und für alle Betroffenen verwirklicht wird.

Doch wie kann man die Finanzprobleme lösen, die neben Populismus, parteipolitischer Berechnung und politischer Fehler an der gleichberechtigten Grundversorgung sägen?

Da haben Gesundheitsexperten seit Jahren klare Antworten: die extrem ineffiziente und dadurch teure Zersplitterung unseres Gesundheitssystems beenden und die Prävention stark ausbauen.

Bei beidem liegt Österreich auch im internationalen Vergleich schlecht - dadurch haben wir eines der teuersten Systeme, aber eine im Vergleich der EU-Staaten vergleichsweise geringere Zahl an gesunden Lebensjahren. 

DAS ist die Herausforderung für die Politik, denn beides sind politische Schwächen, die korrigierbar sind. Mehr dazu später an dieser Stelle!

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