Freundlichkeiten

 Der Tod eines Menschen ist immer traurig. Ganz unabhängig von der Person des Baumeisters Richard Lugner ist mir wie einigen anderen in dieser Situation wieder einmal aufgefallen, wie eigenartig unser Umgang mit anderen Menschen ist. Vielfach Kritik und Belustigung oder Ignoranz zu Lebzeiten, nach dem Tod jedoch meist Anerkennung, Respekt und Freundlichkeiten.

Wenn es ehrlich gemeint ist, warum nicht auch schon vor dem Tod? Und wenn es nicht ehrlich ist, warum dann nach dem Tod?

Warum erzählen wir Menschen nicht während ihres Lebens, was wir an ihnen schätzen?

Warum gehen wir oft so sparsam mit Freundlichkeiten um?

Mehr Freundlichkeiten, mehr Anerkennung, mehr Respekt und Wertschätzung würde uns allen in allen Lebenslagen gut tun.

Stellt Euch einmal vor: eine Politikdebatte, in der wertschätzend miteinander umgegangen und gegenseitig Anerkennung ausgesprochen wird.

Die Presseaussendung einer Partei, die die andere wertschätzend lobt und Respekt vor ihren Ideen zeigt.

Stellt Euch einmal vor, ein Posting auf Facebook, auf das wertschätzend reagiert wird.

Stellt Euch einmal vor, ein Morgen in der Straßenbahn und Menschen grüßen sich.

Wie würde das alles das Leben und vielleicht hat sogar die Welt verändern?

Jüngst habe ich ein Buch über die weltweit größte Glücksstudie der Harvard Universität von Robert Waldinger und Marc Schulz gelesen. In „The Good Life“ berichten die beiden über die Ergebnisse von Interviews, die mit vielen über die Dauer von Jahrzehnten immer wieder geführt wurde, um  das Wohlbefinden der Betroffenen, das Glück und seine Ursachen zu analysieren.

Anders als in Momentaufnahmen punktueller Umfragen, in denen von vielen Reichtum, Karriere etc als Barometer für Glück bezeichnet werden, zeigt sich hier ganz eindeutig, dass es vor allem Beziehungen sind, die ein gutes Leben ausmachen. Beziehungen, Achtsamkeit, Freundlichkeit. Und nach Überzeugung der Forscher macht uns genau das glücklich und gesund.

Meine Mutter hatte immer wieder formuliert:“Wie man in den Wald hinein ruft, so kommt es zurück“.

Ein klein wenig stimmt das auch: Freundlichkeit löst (meist) Freundlichkeit aus, Achtsamkeit führt zu Wertschätzung, gute Beziehungen machen uns glücklich.

Ich habe auch meine eher grumeligen, unausgeschlafenen Stunden, in denen ich eher für mich auf der Welt bin und mich zurückziehe.

Aber ich versuche dennoch immer öfter, Passanten, denen ich begegne, zu grüßen, den Sitznachbarn in der Stra0enbahn spürbar mit einem freundlichen Lächeln wahrzunehmen, Bekannten durch Wertschätzung Beachtung zu geben, Freunden Zeit zu schenken und ihnen manchmal das zu sagen, was ich an ihnen schätze.

Die Reaktionen reichen von Überraschung bis Freude - und verändern meist die Beziehungen.

Aus zwei Menschen, die aneinander vorbeigehen, werden zwei, die ein kurzes freundliches Gespräch führen, ein Augenkontakt im Öffi zeigt Verständnis und Verbundenheit, aus einer Bekanntschaft wird vielleicht langsam Freundschaft, und Freunde werden glücklich aufgrund der Wertschätzung.

Freundlichkeit verändert und macht unsere eigene Welt besser. Sie tun den anderen, letztendlich aber vor allem mir selbst gut.

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